Was ist ein Dokumentarfilm?
Aus der Publikation "Der Dokumentarfilm als Autorenfilm", hrsg. vom Haus des Dokumentarfilms, Stuttgart 1999

Was ist ein Dokumentarfilm ?

Ein Dokumentarfilm ist ein Film, der Menschen, Dinge, Landschaften etc. in der ihnen eigenen Realität beläßt. Das ist der Grundunterschied zum Spielfilm, der seine Realität erfindet. Jede weitere Abgrenzung, besonderes in der formalen Herangehensweise und Methodik, führt zu Dogmatismus (siehe Duisburger Fundamentalisten) und ist kontraproduktiv.

Meine Filme stehen in der Tradition eines Kinodokumentariums, der praktisch so alt ist wie das Kino selbst. Flaherty, Vertov, Ruttmann, Ivens, Lorentz, Storck, Roos, Sundquist, Haanstra, die Polnische Schule, Rouch, Marker sind als Klassiker aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken, und in neuerer Zeit waren es Dokumentaristen wie Nestler, Wiseman, Kramer, Ogawa, Depardon, Van der Keuken, Broomfield, McElwee und viele andere, die in dieser Tradition viele bemerkenswerte Filme geschaffen haben, Werke, die Zeugnis ablegen von der thematischen Bandbreite und der stilistischen Vielfalt des dokumentarischen Genres. Der Dokumentarfilm war selbstredend fürs Kino gemacht, und erst als in den sechziger Jahren das Fernsehen weltweit zum größten Produzenten und Abnehmer von Dokumentarfilmen aufstieg, wurde eine Abgrenzung notwendig und sinnvoll, um den Unterschied zu so typischen Formen der Fernsehdokumentation wie Feature und Reportage deutlich zu machen.

Leider wirkte sich der Einfluß des Fernsehens dramatischer aus, als vorherzusehen war. Was anfangs (z.T. aufgrund neuer Kamera- und Tonaufnahmetechniken) noch innovativ war und nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Entwicklung des Dokumentarfilms blieb - man denke an Namen wie Leacock, Pennebaker, Wildenhahn -, nutzte sich durch die standardisierten Programm- und damit Produktionsvorgaben des Fernsehens schnell ab; so entstand ein publizistischer Stil, der die genuinen Ausdrucksformen des klassischen Dokumentarfilms, seine Menschlichkeit, seine poetische Kraft und die mitreißende Kunst der Montage nur noch erahnen ließ, der aber die Dokumentarfilmlandschaft weit über das Fernsehen hinaus prägte. Wie oft mußten zweifellos wichtige "Inhalte" oder die "politische Bedeutung" eines Films als Alibi herhalten für die Vernachlässigung filmischer Möglichkeiten. Nur zu schnell zeigte sich allerdings die Begrenztheit solcher Gebrauchsfilme: nach einmaliger Ausstrahlung verschwanden sie in den Archiven und wurden nicht mehr wiedergesehen, zumindest nicht in ihrer intakten Form. Heute sind sie nur noch für Historiker von Interesse. Daß ältere Fernsehproduktionen als Materiallager dienen und schnippselweise in anderen Zusammenhängen "risaikelt" werden, ist eine andere Geschichte.

Es gab und gibt ein Publikum, das sich von einem Dokumentarfilm mehr erwartet als die fernsehgerechte Aufbereitung eines "brisanten" Themas. Und es exisitiert inzwischen ein Publikum, für das die alte Trennung zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm belanglos geworden ist, das sich auch von einem Dokumentarfilm Qualitäten wie von einem Spielfilm erhofft und erwartet. Dass der Dokumentarfilm vielfach immer noch als der "arme Bruder" des Spielfilms gilt, dass nach wie vor "sprechende Köpfe", pädagogische und politische Zeigefinger formale Fantasielosigkeit assoziieren, hat er sich weitgehend selbst zuzuschreiben.

Was nun eigentlich charakterisiert einen Kinodokumentarfilm ?
Er überläßt dem Fernsehen die abgenutzten Cinéma-Vérité-Methoden und den sogenannten Abbildrealismus, der nicht nur simpel gedacht ist, weil er die außerfilmische Realität und ihre filmische Wiedergabe in eins setzt, sondern, da diese Gleichung nicht aufgeht, auch zu einem Trugschluß führt. Realität wird im Film nie einfach abgebildet (präsentiert), sondern immer repräsentiert, es wäre also ein Fehler, über der gefilmten Realität die Realität des Films zu vernachlässigen. Desgleichen gilt, daß die Authenzität weniger eine Frage der Bildinhalte als der Einstellung ist, die man/frau der Realität gegenüber einnimmt, in der gefilmt wird. Der vielzitierte Satz "Die Einstellung ist die Einstellung" macht nirgendwo mehr Sinn als im Dokumentarfilm, wo keine Schauspieler vor der Kamera stehen sondern Laien, Menschen in ihrem jeweiligen Lebenszusammenhang. Kinodokumentarfilme sollten daher offen sein, es also dem Zuschauer überlassen, sich seine Meinung zu bilden. Das heißt auch: offen für Überraschungen, Zufälle, Entdeckungen und Widersprüche, für die spontane Reaktion - was ganz und gar nichts mit einer Neutralität des Filmemachens zu tun hat. Ein Dokumentarist braucht seine Haltung nicht durch einen allwissend auftretenden Kommentar zum Ausdruck zu bringen, wenn diese gestaltet sichtbar wird. Andererseits wird er sich nicht scheuen, wesentliche Informationen dem Kommentar anzuvertrauen, falls dies nicht anders möglich ist. Weil die Filme nicht auf Alltagsaktualität setzen müssen - wenn sie ihr auch nicht aus dem Wege gehen - , liegen ihre Chancen in der bewußten ästhetischen Gestaltung. Es ist kein Verdienst, dem Zuschauer verwackelte Bilder, einen unverständlichen Ton oder fehlerhaftes Licht vorzusetzen. (Manchmal läßt es sich nicht vermeiden: Wirklichkeit ist schließlich nicht einfach abrufbar, und vieles, was sich vor der Kamera ereignet, kann so nicht wiederholt werden). Aber per se bedeutet die selbstverständlich gewordene Realitätsnähe des Dokumentarfilms längst keinen Qualitätsbonus mehr. Daß diese Art "realistischen" Filmens, die sich gerne mit Etiketten wie "Wahrheit" und "Authenzität" schmückt, am leichtesten zu inszenieren ist, ist Spielfilmregisseuren (Woody Allen war nicht der erste) inzwischen bestens bekannt. Meine Dokumentarfilme sind hingegen an Mehrstimmigkeit interessiert. Mehrstimmigkeit, das meint die Konzertation von Bildern und Tönen, das heißt: der Film entwickelt seine ganz spezifische "Partitur" aus der Wirklichkeit.

Dokumentar- und Spielfilm haben sich in den letzten zwanzig Jahren einander angenähert, das Bedürfnis nach gegenseitiger Bereicherung ist an die Stelle früherer ideologiegeprägter Abgrenzungen getreten. Wenn dem Spielfilm dokumentarische Mittel zugutegehalten werden, kann es dem Dokumentarfilm nicht schaden, wenn er, wo dies angebracht erscheint, Methoden der ästhetischen Gestaltung und Formen des Erzählens vom Spielfilm übernimmt. Die Wirklichkeit ist so komplex und kompliziert geworden, daß es nur adäquat ist, sich zu ihrer Darstellung möglichst vieler Ausdrucksmittel zu bedienen. Wie ich meine Mittel einsetze, kommt allerdings mehr denn je darauf an, wen und was ich filme. Dann kann eine Kamerafahrt unter Umständen mehr "sagen" als die wortreichste Erläuterung. Weil viel zu oft sträflich vernachlässigt, sei besonders auf die Möglichkeiten des Lichts, ob natürlich oder künstlich, hingewiesen - ohne Licht kein Film! Wie bedauerlich, daß so unbedarft damit umgegangen wird. Wer sagt denn, daß im Dokumentarfilm kein Kunstlicht gesetzt werden darf! Es gilt nämlich die Moral: Wo das Licht stimmt, kann der Zuschauer etwas sehen.

Der Kinodokumentarfilm tritt heutzutage gegen Gewohnheiten und Genormtheiten filmischer Gestaltung, insbesondere aber gegen Bequemlichkeiten filmischen Denkens an. So wie ich ihn verstehe, ist er ein Experimentierfeld, ein ästhetisches Labor, in dem der Filmemacher sich immer wieder auf die Suche nach neuen Formen und Möglichkeiten begibt, die Realität in ihren unzähligen Facetten sichtbar zu machen. Der Kinodokumentarfilm kann also zu einer im besten Sinne veritablen Schule des Sehens werden.

Hans Andreas Guttner
 
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